Seemänner

Seemänner

Einmal im Jahr hieß es „Leinen los zur Ostseefahrt“!

Dann nahmen alle Flusspionierkompanien am jährlichen Seezielschießen auf der Ostsee teil. Dabei wird drei Wochen lang auf See- und Flugziele mit bordeigenen schweren Waffen geschossen (Bordmaschinenkanone 20 mm).

Das Seezielschießen war der Höhepunkt einer langen Ausbildungszeit für den wehrpflichtigen Soldaten. Hier sollte gezeigt werden, ob die Flusspioniere ihr Schiff beherrschen und mit den Bordwaffen vertraut sind.

Es galt zu beweisen, dass sie ihren Auftrag erfüllen können.

Um es vorweg zu nehmen: - sie konnten es -, dies stellten die Kommandeure immer wieder fest!

Der Wasserweg

Ein Verband von etwa zehn bis zwölf  olivgrünen Schiffen schipperte auf dem Wasserweg zum Ziel, - dem Marinestützpunkt Olpenitz bei Kappeln an die Mündung der Schlei. Je nach Heimathafen und Fahrstrecke dauerte der Hinmarsch sieben bis neun Tage. Die einzelnen Flusspionierkompanien favorisierten unterschiedliche Routen.

Die „Krefelder“ fuhren vom Niederrhein über den holländische Rijn und Ijssel bis Kampen. Durch das Ijssel-Meer und das verwirrende holländische Kanal-system (mit Lotsen) zum „Prinzess-Margriet-Kanal“. Von Emden aus durch Ems und Küstenkanal nach Oldenburg und über Hunte und untere Weser nach Bremerhaven. 

Im Marinestützpunkt Bremerhaven, den schließlich alle Flusspionierkompanien ansteuerten, wurden die Boote seefest gemacht und mit Kreiselkompass ausgerüstet. Dann fuhr die „Rheinflottille“ über die Nordsee um Neuwerk herum in die untere Elbe ein und von Brunsbüttel-Koog bis Kiel-Holtenau durch den Nord-Ostsee-Kanal.

Die „Neuwieder“ und die „Schiersteiner“, vom Mittelrhein kommend, bogen bei Duisburg ab, in den Rhein-Herne-Kanal. Es ging weiter über den Dortmund-Ems-Kanal, die Ems, und wie schon geschildert, nach Bremerhaven.

Die „Nachbarn von Achim“, inzwischen in Neuwied stationiert, fuhren einen kleinen Umweg über den Wesel-Datteln-Kanal, um ihrer Patenstadt Datteln einen Besuch abzustatten.   

Dieses „Unternehmen Ostseefahrt“ war keine vergnügliche Schiffstour.

Abenteuer und Romantik hielten sich bei weitem in Grenzen. Es war für alle Beteiligten ein harter „Job“ der in die Knochen ging.

An Bord war es sehr beengt, jeder Raum wurde bis zum letzten Winkel ausgenutzt. Persönlicher Freiraum in der Schiffsunterkunft war Luxus. Hier standen die Kojen neben- und übereinander. Ein Klapptisch gewährte Platz zum Essen und Arbeiten. Die Spinde waren elendig schmal und beim Aufstehen stieß man sich den Kopf. Wenn man sich bewegte trat man sich gegenseitig auf die Stiefel.

Unter Deck

Kochen auf der Bodan...

Die Arbeit auf und unter Deck, bei Wind und Wetter, schlauchte ganz schön, und dann der Seegang!  Der Kommandant und der Steuermann konnten die „Brücke“ nur für „dringende Geschäfte“, abwechselnd,  kurz verlassen. 

Der Smut gab sich die größte Mühe! Gemeckert wurde trotzdem! Dabei war das Essen gut; es schmeckte allen prima. Und bei einem weniger begabten Smutje, musste die Besatzung ein wenig „Überzeugungsarbeit“ leisten! 

Schießgebiet

Ein Sperrgebiet in der Ostsee war unser Schießgebiet.

Es wurde scharf geschossen, auf große Styropor-Quader die morgens um drei Uhr vom Scheibenboot ausgelegt wurden, und auf Luftsäcke, die von einem Marineflieger gezogen wurden.

Der, im wahrsten Sinne des Wortes, ohrenbetäubende Lärm während des Schießens war ohne Gehörschutz nicht zum Aushalten und höchst gefährlich für die Gesundheit.

Oft genug musste das Schießen unterbrochen werden, weil Freizeitsegler und Privatjachten das Schießgebiet durchkreuzten und keine Sicherheit mehr gegeben war.

Der Funkkontakt zwischen den Schiffseinheiten und der Basis an Land erfolgte über zwei unabhängige Funkstrecken auf mehreren Kanälen.

Das „Rheintelefon“ oder der normale Verständigungskanal der Seeschifffahrt diente dem reibungslosen Schiffsverkehr.

Die taktische Funkverbindung hingegen gab die Möglichkeit das Schießen zu leiten, den Schiffsverband zu führen (auch bei Hin- und Rückmarsch) und Verbindung zum Begleitkommando an Land zu halten.

Dienstplan

Bei schwerer See musste das Schiessen eingestellt werden

Dienstplan für einen Schießtag:

 

03.00 Uhr            

Wecken der Bootsbesatzungen und des erforderlichen Stabs-und Versorgungspersonals. 

 

04.00 Uhr

Auslaufen in das Schießgebiet.

 

05.00 Uhr

„Feuer frei“! Schießen auf schwimmende Seeziele und auf einen acht Meter langen Luftsack, gezogen von einem Flugzeug.

 

14.00 Uhr

„Feuer einstellen“! Rückmarsch zum Marinestützpunkt.

 

15.00 Uhr

Einlaufen in den Hafen. Anschließend technischer Dienst an Bord.

 

  • Waffenreinigen, Aufmunitionieren und aufnehmen von Versorgungsmaterial und Verpflegung, Betriebsstoff und Trinkwasser.
  • Instandsetzungsarbeiten.

20.00 Uhr

Dienstschluss.

 

Zwischen den Vorbereitungen für den nächsten Schießtag wurden die Mahlzeiten eingenommen.

Rückfahrt

Bodan auf dem Elbe-Seiten-Kanal
Bodan erreicht Köln

Nach zwei Wochen Schießen auf der Ostsee hieß es dann: 

„Vorwärts, Kameraden, wir fahren zurück“!

Der Rückmarsch führte wieder über Nord-Ostsee-Kanal und Elbe, dann aber an Hamburg vorbei, über Norderelbe, Elbe-Seiten-Kanal, Mittellandkanal, Dortmund-Ems-Kanal und Rhein-Herne-Kanal zum Rhein. 

Die niedrigen Brücken der Kanäle waren gefährlich! Das Steuerhaus der Landungsboote musste abgebaut werden, der Kommandant steuerte sein Schiff mit einem kleinen Not-Steuerrad. Fahrt auf dem Elbe-Seiten-Kanal 

Über 400 Brücken wurden so passiert; und immer wieder ertönte der laute, warnende Ruf: „Wahrschau! Brücke“!

Dann galt es, in die Hocke zugehen und den Kopf runter zu  nehmen. Nach etwa sieben Tagen „Heimfahrt“ lief die Pionierflotte  mit ihren braungebrannten Matrosen wieder in den heimischen Stützpunkt ein.

An der Pier, in Höhe des selbstgebauten Flaggenmastes, stand das Nachkommando, -„die Landratten“-, es wurde „Seite“ gepfiffen. Ein jeder in der Kompanie war froh, dass „die Ostseefahrt“ ohne Vorkommnisse bewältigt werden konnte.

Der Kompaniechef lobte den Ausbildungsstand und die Disziplin seiner Flusspioniere und war wohl auch ein wenig Stolz auf seine Truppe.

Und nach etwa vier Wochen verspürten viele das Verlangen, wieder auf „große Fahrt“ zu gehen.